Fair Play oder Fiktion?
Beim 12. Biebricher Schlossgespräch wurde intensiv über den „Kampf um den sauberen Sport“ diskutiert
| Anna-Maria Wagner im Talk. © DOSB/pa/Arnold |
Anna-Maria Wagner, Olympiabronzemedaillen-Gewinnerin und Weltmeisterin im Judo, war am Donnerstagabend in Wiesbaden omnipräsent. Im ersten Teil des Biebricher Schlossgesprächs, zu der die DOA und das Hessische Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege (HMFG) geladen hatten, diskutierte sie mit einem namhaften Panel über die Folgen der Enhanced Games. Im zweiten Teil vertrat sie Julian Köster – und nahm für ihn den Fair Play Preis des Deutschen Sports entgegen.
Sind die Enhanced Games ehrlicher als der heutige Spitzensport?
Unter der so fachkundigen wie einfühlsamen Gesprächsleitung von ZDF-Sportmoderator Sven Voss war Wagner Teil des Biebricher Schlossgesprächs, das unter dem Motto „Fair Play oder Fiktion? Der Kampf um den sauberen Sport“ in vier Themenbereiche gegliedert war. Zunächst gab Marina Schweizer, Redakteurin beim Deutschlandfunk, einen kurzen Impuls zu den Enhanced Games. Die Premiere der als „Doping-Spiele“ zu zweifelhaftem Ruhm gekommenen Veranstaltung, bei der ein vorgeblich medizinisch kontrollierter Einsatz von Dopingmitteln gestattet war, hatte Ende Mai in Las Vegas für weltweites Aufsehen gesorgt.
Im zweiten Teil diskutierten die Judoka von Team D und Dr. Lars Mortsiefer, Vorstandsvorsitzender der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA), über die Ausgangsfrage, ob Spitzensport ohne permanente Kontrolle nicht glaubwürdig sein könne. „Leistung und sauberer Sport gingen für mich immer nur zusammen. Sport hat eine Vorbildfunktion – wir wollen dem Nachwuchs zeigen, was es heißt, sauber und fair seine Bestleistung zu bringen. Es gibt eine Grenze, die nie überschritten werden sollte“, sagte Wagner. Mortsiefer räumte ein, dass noch immer viel Optimierungspotenzial im Kampf gegen Doping zu heben sei. „Es ist ganz wichtig, auf die Athletinnen und Athleten zu hören und sie vor unberechtigten Dopingvorwürfen zu schützen. Auf der ganzen Welt in gleichem Maß zu testen ist die Herausforderung, der wir uns stellen müssen!“
Sauberer Sport bleibt das einzige langfristige Erfolgsmodell
Zur provokantesten These des Abends kamen im dritten Teil Marina Schweizer und Maria Ratz, Professorin für Sports Finance an der accadis Hochschule Bad Homburg, ausführlich zu Wort. „Es schadet einer Sportart viel mehr, Glaubwürdigkeit wieder aufbauen zu müssen, als dass der Betrug durch Doping ihr nutzt“, sagte Ratz. „Auch aus ökonomischer Sicht ist sauberer Sport das einzige langfristige Erfolgsmodel.“ Schweizer warnte davor, dass „Modelle wie die Enhanced Games den etablierten Sport ausbluten lassen könnten, wenn die Athletinnen und Athleten nicht ausreichend bezahlt werden.“
Zum Abschluss sollte Dr. Caroline Bechtel, stellvertretende Leiterin des Instituts für Sportrecht der Deutschen Sporthochschule Köln, Antworten auf die Frage finden, ob der Mythos vom sauberen Sport wichtiger geworden sei als die Wahrheit. Sie verneinte die These deutlich. „Die Regeltreue und Vorbildfunktion der Athletinnen und Athleten in Deutschland ist sehr hoch. Sie stehen hinter dem System und für dessen Werte ein, um Integrität und Glaubwürdigkeit des Sports zu schützen. Wir haben einen Grundkonsens, dass wir einen sauberen Sport wollen, und den sollten wir bewahren.“ Es war ein passendes Schlusswort für einen Abend, an dem der Glaube an das Gute, für das der Sport stehen sollte, deutlich gestärkt wurde.
Eine Bühne für Wertevermittlung im Sport
Für Gänsehaut-Momente sorgte anschließend die Verleihung der Fair Play Preise des Deutschen Sports, mit denen der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) Vorbilder auf und neben dem Platz auszeichnen. Personen wie Tabea Frohn, die bei einem Triathlonwettkampf einer kollabierten Freundin das Leben rettete und einen brennenden Appell an das sichtlich gerührte Publikum richtete: „Wenn jemand Erste Hilfe benötigt, geht es nicht darum, dass man alles richtig machen muss. Der einzige Fehler wäre, gar nichts zu tun.“
Julian Köster, der aus privaten Gründen nicht an der Preisverleihung teilnehmen konnte, hatte im Interview mit dem DOSB die große Bedeutung der Auszeichnung hervorgehoben: „Besonders wichtig ist mir, dass sie die Athletinnen und Athleten von Special Olympics Deutschland ein Stück sichtbarer macht. Es kennen noch immer zu wenige die Organisation und die großartige Arbeit, die dort geleistet wird.“
Umso bedeutsamer also, dass es die Julian Kösters und Anna-Maria Wagners dieser Welt gibt, die nicht nur mit ihrer Strahlkraft unterstützen, sondern auch persönlich viel mitnehmen können. „Dass ich bei Veranstaltungen dabei sein und dadurch etwas bewegen kann, ist ein großes Privileg“, sagte Köster.
Quelle: DOSB / DOA