Ein Paradies für Sportgeschichte
Anlässlich des Olympic Days am 23. Juni besuchte Björn Jensen das Zentraldepot des DSOM in Köln
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| Gregor Baldrich im Zentraldepot. © Privat |
Vorsichtig, mit weißen schützenden Stoffhandschuhen klappt Gregor Baldrich ein ramponiertes Kunststoffkästchen auf. Zum Vorschein kommt ein rundes Stück Metall, das Laien nur schwerlich als das Schmuckstück identifizieren könnten, das es ist. Baldrich, 60 Jahre alt, von hagerer Statur und mit einem verschmitzt wirkenden Lächeln im Gesicht in seinem „Reich“ unterwegs, streicht liebevoll über die Oberfläche und erklärt: „Das ist eine Bronzemedaille der Olympischen Sommerspiele von 1956 in Melbourne.“
Gregor Baldrich ist im Deutschen Sport & Olympia Museum (DSOM) verantwortlich für die Leitung der Sammlung. Auf einer Ausstellungs- und Aktionsfläche von mehr als 2.000 Quadratmetern werden im Kölner Rheinauhafen in der Dauerausstellung rund 2.000 Exponate gezeigt. Am Olympic Day, der jährlich am 23. Juni an die Gründung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) 1894 und die Wiedereinführung der Olympischen Spiele durch Pierre de Coubertin erinnert, ist das Museum stets der Mittelpunkt der deutschen Olympiawelt.
Aber weil die Sammlung rund 100.000 Objekte umfasst, hatte der DOSB anlässlich des Olympic Days um einen Termin im Zentraldepot im Kölner Stadtteil Mülheim gebeten, um einmal zu ergründen, welche Schätze der sportinteressierten Öffentlichkeit aus Platzgründen nicht präsentiert werden können. Und Gregor Baldrich ist der Mann, der sich in dem 800 Quadratmeter einnehmenden Paradies für Fans der Sporthistorie auskennt wie niemand sonst.
Seit März lagern alle Exponate in einem Zentraldepot
Dass über den gesamten Raum verteilt noch Dutzende nicht ausgepackter Kartons stehen, bittet er gleich beim Betreten zu entschuldigen. Erst im März war der Umzug abgeschlossen worden, der sich über mehrere Monate hinzog. „Jetzt haben wir alles an einem Ort beisammen, was eine zentrale Sicherheit, bessere Forschungsmöglichkeiten und auch eine zentrale Anfahrt bietet. Aber es wird noch etwas dauern, bis hier alles in Ordnung ist“, sagt er. Wobei ein Depot doch grundsätzlich lebendig wirkt, wenn ein wenig Unordnung herrscht. Aber Gregor Baldrich, der seit 20 Jahren im DSOM arbeitet, ist ein Freund davon, sich schnell zurechtzufinden. Jedes Exponat ist nummeriert und archiviert, zu jedem notiert sich Baldrich dessen Geschichte.
Die Idee, ein Museum für die deutsche Olympiageschichte zu errichten, war 1972 im Rahmen der Sommerspiele in München entstanden. Das erste Sammlungskonvolut steht im Kontext des 11. Olympischen Kongresses vom 23. bis 28. September 1981 im Kurhaus von Baden-Baden, der mit der Beendigung des klassischen Amateurstatus und der Öffnung Olympischer Spiele für Profis Sportgeschichte schrieb. Dort gab es eine Ausstellung, Teile dieser fanden Einzug in die Sammlung des Museums. „Zunächst wurde breit gestreut gesammelt, später zielorientierter, bis 1999 das passende Gelände gefunden war und das Museum eröffnen konnte“, sagt Baldrich.
Die Exponate kommen aus vier Hauptquellen
Aus vier Hauptquellen speist sich seit 45 Jahren der Bestand. Entweder überlassen Athlet*innen, Funktionsträger*innen oder Hinterbliebene dem Museum einige Objekte oder die Gesamtheit ihres Besitzes als Leihgabe oder Schenkung. Hat ein Objekt einen besonderen, meist ideellen Wert für die Sammlung, wird auch bei Aktionen zugekauft. Mittel dafür stehen, wie auch für den Betrieb des Museums und die Lagermiete, dank der Förderung des DOSB und des Landes Nordrhein-Westfalen sowie durch die Einnahmen an der Museumskasse bereit.
Die vierte und verlässlichste Quelle ist die Mitgliedschaft des Museums im Olympic Museums Network, das 2006 am IOC-Sitz in Lausanne gegründet wurde, um 36 Olympiamuseen weltweit untereinander zu vernetzen und ihnen die Möglichkeit zu geben, an begehrte Erinnerungsstücke der Olympischen Spiele zu kommen. In seiner Dauerausstellung präsentiert das DSOM zahlreiche Fackeln seit 1936, als für die von den Nazis vereinnahmten Heimspiele in Berlin die Idee des Fackellaufs geboren wurde. In zwei Metallschränken lagern in Köln-Mülheim auch diverse Fackeln von Winterspielen und Paralympics. „Für die Olympischen Spiele 1952 in Helsinki wurden nur 22 Fackeln produziert. Davon eine zu besitzen, ist sehr besonders. Heute werden große Mengen von Fackeln produziert, denn alle Teilnehmenden des Fackellaufs dürfen ihr Exemplar behalten“, sagt Gregor Baldrich.
Beeindruckend ist auch der Bestand an Sportgeräten. Dieser reicht von Tennis- und Hockeyschlägern aus vielen Epochen über hölzerne Ruderboote und Kanus bis hin zu Pauschenpferden, Stufenbarren und einem Bob von der EM 2003 in Winterberg. Mehrere Dutzend Paar Holzski sind auf einem Haufen aufgetürmt, es gibt Roll- und Schlittschuhe fast schon antiker Prägung, diverse Schutzhelme aus unterschiedlichen Sportarten – und sogar ein Paar Schläger aus der gälischen Sportart Hurling, die in Deutschland kaum bekannt ist. „Die hat uns der Weltverband vermacht, als die mal auf Deutschland-Besuch waren“, erklärt Gregor Baldrich.
Gesammelt werden auch Ehrenpreise, die von Verbänden an Sportler*innen, Funktionäre oder politische Vertretungen überreicht wurden. In einem der langen Regale stapeln sich Teller aus Keramik, Kunststoff oder Messing, aus denen der mit einer Bernsteinzentrierung versehene Siegerteller der DDR-Gerätturnmeisterschaften heraussticht. Herausragend ist auch ein opulenter Kunststempel, den die Stadt Köln anlässlich der Sommerspiele 2008 von ihrer Partnerstadt Peking geschenkt bekam.
Die umfangreiche Bibliothek füllte 170 Kisten
Alte Bücher und Filmrollen haben dagegen im Zeitalter der Digitalisierung schwindenden Wert. Die umfangreiche Bibliothek, die 170 Kisten füllte, hat Gregor Baldrich bereits ausgedünnt und teilweise an die Bibliothek der Deutschen Sporthochschule in Köln abgegeben, eine Auswahl der wichtigsten Werke zur deutschen Sporthistorie steht aber weiterhin zur Verfügung. Die 16-Millimeter-Filmrollen, die mittels spezieller Abspielgeräte angeschaut werden können, beinhalten sehr unterschiedliche Thematiken, vom offiziellen Olympiafilm von 1964 bis hin zu Lehrfilmen, die Wurftechniken im Handball behandeln.
Wertvolle Aufnahmen wie die der Wettkämpfe von 1936 in Berlin versucht Baldrich zu digitalisieren. Dagegen muss er Sammelalben mit Bildchen aus Reemtsma-Zigarettenpackungen aus jener Zeit mittlerweile ablehnen, „weil wir davon fast jede Woche eins angeboten bekommen, aber keine 50 Stück benötigen.“ Und auch nicht alles, was angeboten wird, ist echt. Im Fackelschrank lagern einige Fälschungen. Und aus dem Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, mit dem das DSOM ein kollegiales Verhältnis pflegt, gibt es eine kuriose Anekdote. „Denen wurde der Elfmeterpunkt vom Finale der Fußball-WM 1974 angeboten, von dem aus Paul Breitner zum zwischenzeitlichen 1:1 getroffen haben soll. Aber wer will nachprüfen, ob das wirklich der echte Elfmeterpunkt war?“
Baldrich träumt von Zverevs French-Open-Trophäe
Besonders froh ist der Sammlungsleiter über die Unikate, die sich im Besitz des Museums befinden. So hat zum Beispiel der frühere Fußball-Nationaltorhüter Harald „Toni“ Schumacher rund 70 Trikots, die er während seiner Karriere getauscht hatte, dem Museum als Leihgabe überlassen, manche davon handsigniert von Schumachers Kontrahenten. Und in einer der vielen unscheinbaren Pappschachteln im Regal mit der Bekleidung liegt das Tennisshirt der Marke Fila, das Boris Becker 1992 im olympischen Doppelfinale in Barcelona bei seinem Triumph an der Seite von Michael Stich trug. „Becker hat es danach ins Publikum geworfen, und der Mann, der es gefangen hat, hat es uns als Leihgabe zur Verfügung gestellt“, sagt Baldrich.
Zwei Fragen bekommt der Kölner besonders häufig gestellt. Die erste: Welches der rund 100.000 Exponate denn sein liebstes sei? Er schaut dann ungefähr so, wie eine Mutter schaut, die man fragt, welches ihrer vier Kinder sie am meisten ins Herz geschlossen habe, und eine Antwort hat sich damit erübrigt. Die zweite: Welches Exponat ist das wertvollste? „Ein sehr wertvolles“, sagt er, „mussten wir vor Kurzem weggeben. Es war eine Siegermedaille der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit von 1896, deren Besitzer sie zurückgefordert hat.“
Bleibt eine letzte Frage: Gibt es ein Ausstellungsstück, von dem er sich wünscht, dass das DSOM es besitzen könnte? „Vielleicht die Trophäe von Alexander Zverev, der vor wenigen Wochen als erster Deutscher seit Henner Henkel 1937 im Herrentennis die French Open gewinnen konnte“, sagt er, „das wäre schon ein Traum!“ Der, wenn er in Erfüllung ginge, sicherlich einen Platz außerhalb des Lagers finden würde – aber auch mitten im Herzen von Gregor Baldrich.
Quelle: DOSB / Björn Jensen



